Tag 2 - Der Tag des Kürbis': Purer Schmerz und die absolute Glückseligkeit

Nun denn, Tag 2!

Morgens um 7 Uhr stehe ich auf, um die Linsen zum Quellen aufzusetzen, welche ich im Laufe des Abends weiterverarbeiten will, um sie meiner Erfahrungsliste veganer Brotaufstriche hinzuzufügen. Generelle Erfahrungen mit Hülsenfrüchten habe ich so gut wie keine und mir steht die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, als ich auf der Packung lese, dass sie 12 Stunden quellen müssen, bevor man mit der eigentlichen Verarbeitung beginnen kann. Ich frage mich ernsthaft, ob meine Eltern früher, wenn es Linsen gab, tatsächlich auch schon immer einen halben Tag vorher mit der 'Zubereitung' der Mahlzeit begonnen haben - Wahnsinn! Ich stelle also fest: Spontane Lust auf Linsen kann in Zukunft nicht befriedigt werden. Da sie aber als Allrounder unter den Lebensmitteln für Veganer gelten, da sie nicht nur gesund und geschmacklich sehr kreativ und vielfältig einsetztbar sind, sondern (wie Gries und Haferflocken) die schöne Eigenschaft haben, einzudicken. Ich denke an einen meiner kläglichen Aufstriche vom gestrigen Tag (Tomate-Paprika-Zwiebel), welchem ich aus der Not heraus mit Sonnenblumenkernen eine festere Konsistenz verleihen wollte - erfolglos. In Sachen 'aus Soße mach Aufstrich' fühle ich mich dank der Linsen nun aber auf der sicheren Seite.

Frühstück: Die erste Sensation - Haferflocken mit Sojamilch, Bananen und Feigen... Der Wahnsinn!! Ich frage mich, wann ich zuletzt so ein gutes Frühstück hatte und finde auf diese Frage keine Antwort. Ich ziehe ernsthaft in Erwägung, dass ich gerade das Leckerste Essen seit Ewigkeiten zu mir nehme - und ahne noch nicht, dass diesem Festmahl nur wenige Stunden später bereits wieder der Rang abgelaufen wird.

Gut gelaunt und bestens gesättigt stürze ich mich auf meine zweite vegane Shopping-Tour. Weitere Grundnahrungsmitteln müssen her. Ich kaufe also Haferflocken (würde nach meinem Frühstückserlebnis am liebsten direkt eine Jahrespackung kaufen), Gries (um flexibel in meinen Rettungsversuchen verunfallter Brotaufstriche zu sein) und Tomatenmark, sowie Kiwis, welche ich in meiner Vorstellung bereits in den morgigen Frühstückshaferflocken versenke (Ab jetzt würde ich wohl gern drei Mal täglich frühstücken...). Dann lacht mich ein Kürbis an, dem ich nicht widerstehen kann. Kürbissuppe mochte ich schon immer sehr, selbstgemacht habe ich sie jedoch noch nie. Heute soll der Tag sein, an dem sich das ändert - eine sehr gute Entscheidung!

 Zurück vom Einkaufen schmiere ich mir Brote für die Arbeit. Malzbrot mit selbstgemachter Avocado-Créme, Ruccola und Radieschenscheiben - yummi! Die Brote bringen mich durch den Tag und schmecken sogar meinem guten Freund, Sven, welcher meinem Angebot "Naaa, willste 'n veganes Brot?" nicht widerstehen kann. Ich bin zufrieden. Da ich mich von nun an nicht mehr ohne Weiteres mit Schokolade und anderen Süßigkeiten bei Laune halten kann, nasche ich während der Arbeit stattdessen Obst und merke, dass der Fruchtzucker eine genau so angenehme Wirkung auf meinen Glückshormonhaushalt hat, wie sonst Schoki und Co. - vllt. bilde ich es mir aber auch nur ein, weil ich WILL, dass es mich genau so glücklich macht. Auch das wäre mir recht. Gesund ist gesund und glücklich ist glücklich! Basta!

Von der Arbeit nach Hause gekommen steht nun meine Challenge mit dem Kürbis an. Dass Schmerz und Glück so nah beieinander liegen können, lerne ich heute mal auf eine ganz neue Art und Weise.

Noch nie habe ich einen Kürbis geschält... Seit heute weiß ich auch, warum! Zugegeben, meine Messer sind nicht die Besten, haben nicht die schärfsten Klingen und können keine Höchstleistung vollbringen, aber SO ETWAS habe ich noch nie erlebt. Es ist ein absoluter Krampf. Ich fluche am laufenden Band und frage mich ernsthaft, ob der Kürbis aus Beton ist oder mich einfach nur ärgern will, indem er mir zeigt, dass er stärker ist, als ich.

Nach einer nicht nur gefühlten, sondern tatsächlich erlebten Ewigkeit ist der Kürbis zwar bezwungen, aber meine Hand und mein ganzer Arm schmerzen, als wäre ein Auto darüber gefahren und der Boden meiner Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld. Die Kürbisschale hat sich in tausend kleinen Einzelteilen restlos überall verteilt - super! Unter weiterem Fluchen putze ich also meine Küche - war ohnehin mal wieder nötig.

Da man aber allem Negativen ja auch immer etwas Positives abgewinnen soll, lässt das nächste Glücksgefühl nicht lange auf sich warten. Kartoffeln zu schälen hat mir nie viel Spaß gemacht, aber nach dem K(r)ampf mit dem Kürbis erscheint es mir wie die blanke Leichtigkeit des Seins. Zu den Kartoffeln und dem Kämpfer-Kürbis gesellen sich Möhren, Gemüsebrühe und einige Gewürze und los geht die Suppen-Koch-Session.

Da eines meiner großen Ziele für die nächsten 30 Tage ja darin besteht, mir selbst zu beweisen, dass die vegane Ernährung nicht meinen finanziellen Ruin bedeuten muss, schöpfe ich mir zwischendurch einen Teil aus dem Suppentopf heraus und püriere das Ganze, um auch dies zu meiner langsam wachsenden Aufstrich-Sammlung hinzuzufügen.

Der Rest köchelt weiter fröhlich vor sich hin und als ich zwischendurch den Konsistenztest an einem Stück Kürbis wage, ist all der Groll gegen das widerspenstige Gemüse verflogen - unglaublich gut! Jetzt kann ich es kaum noch erwarten, das Gesamtergebnis zu verspeisen, püriere die Gemüse-Partygesellschaft in meinem Top, gebe einige Lauchzwiebeln hinzu und...koste! - Ich raste aus! WIE KANN ETWAS SO LECKER SCHMECKEN??! Zwei große Schüsseln schlinge ich begierig runter, schreibe zwischendurch meiner Freundin, Mana, von meinem unbeschreiblichen Glückserlebnis und liebäugel direkt mit Schüssel Nummer 3. Vorher, so nehme ich mir vor, halte ich noch schnell meinen Tag schriftlich fest und dann - zur Belohnung - genehmige ich mir einen Glückseligkeitsnachschlag in Form meiner (offensichtlich!) neuen Lieblingssuppe.

Herrlich, denke ich mir: Bis vor zwei Tagen war ich weder vegan, noch mochte ich Blogging sonderlich und heute - an Tag 2 - sitze ich hier und bastel mir ein Gerüst, in welchem mein Blog und mein Sammeln veganer Erfahrungen Hand in Hand miteinander gehen. Da ich mich kenne und weiß, wie schnell ich gerne mal die Lust an Dingen verliere, frage ich mich - wie bereits gestern - jedoch auch heute wieder: Wie lange werde ich wohl durchhalten? - Erstaunlicherweise bezieht sich diese Frage heute allerdings allein auf mein 'elektronisches Tagebuch', denn nach den heutigen Extasen, dank Haferflocken und Kürbissuppe, macht sich nun in mir das Gefühl breit: Die vegane Lebensweise 30 Tage durchzuziehen wird mir nicht nur einfach gelingen, sondern es ein phantastischer Monat mit haufenweise euphorischer Momente! - Da ich aber doch gelernt habe, die Realität als ebenbürtigen Gegner in meiner kleinen Welt anzusehen, schleicht sich dennoch ganz leise der Gedanke ein... Mal sehen, wie lange sich die Euphorie halten wird?

Für den Moment bin ich aber einfach glücklich, freue mich jetzt schon auf mein morgiges Haferflocken-Frühstück mit Kiwis, werde mich jetzt gut gelaunt meinen schier endlos quellenden Linsen widmen und sehen, ob ich einen halbwegs schmackhaften Aufstrich aus ihnen zaubern kann und mich dann - endlich - mit meiner dritten Schüssel Suppen-Olymp belohnen!

Fazit, Tag 2: Vegan sein fetzt - Mal sehen, wie lange noch...

14.10.14 19:55

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