Tag 1 - Wozu nun das Ganze?

Wozu nun das Ganze? 

Ich habe die vergangenen gut 15 Monate bereits vegetarisch gelebt. Ich hatte in dieser Zeit nie das Gefühl, etwas zu vermissen. Auf Fleisch, Fisch oder andere Meerestiere zu verzichten fiel mir sogar unglaublich leicht. Einige meiner vegetarischen Freunde erzählten und erzählen mir noch heute, dass ihnen häufig der Wunsch nach einem 'guten Stück Fleisch' durch den Kopf schießt. Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist und diese Menschen stellenweise mehr als 25 Jahre Fleisch gegessen haben, kann man ihnen diese Gelüste wohl nicht verdenken. Bei mir gab es derartige Gedanken allerdings nicht. Glück gehabt!

Doch jetzt verhält es sich offenbar etwas anders. Der Schritt von 'vegetarisch' zu 'vegan' verlangt meiner Psyche offenbar Einiges mehr ab, als die Umstellung vom Fleischesser zum Fleischverzichter. Genau das ist auch der Grund dafür, dass ich meinen Weg zum Veganer hier schriftlich fixiere. Ich habe das Gefühl, dass es mir leichter fällt, 'durchzuhalten', wenn ich meine Eindrücke teile. Ob sich das als wahr herausstellt, wird sich zeigen.

Ich bin neugierig und gespannt auf das, was mir in Sachen Ernährungsumstellung jetzt bevor steht, aber ich habe auch ein mulmiges Gefühl dabei. Der Entschluss, von heute an komplett auf Lebensmittel zu verzichten, die mit Tierhaltung und -nutzung in Zusammenhang stehen, ist auch bei mir - wie bei den vielen anderen Menschen - ein ehtisch-moralischer. Ich mochte Tiere schon immer, war schon immer bestürzt, wenn ich mich mit Fakten konfronitert sah, welche darlegten, wie schlimm teilweise die Zustände der Tiere sind, die der Mensch zu seinen Zwecken gefangen hält und je nach Geschmack verarbeitet. In den vergangenen Monaten fing ich verstärkt an, mich zu Themen, die das komplette Spektrum des Tierschutzes umfassen, zu belesen, mich mit vielen Menschen darüber auszutauschen und so langsam keimte - Stück für Stück und immer stärker - der Wunsch in mir auf, meinen kleinen Beitrag zur 'Verbesserung der Welt' leisten zu wollen. Sein wir ehrlich: In jedem von uns steckt ein solcher kleiner Weltverbesserer. Die meisten von uns leben dies auch eines Tages auf ihre ganz persönliche Weise aus. Ich habe meine Niesche offenbar im Tierschutz gefunden.

 In den vergangenen Tagen erreichten meine Auseinandersetzungen mit diesem Thema jedoch ein neues Maß. In unserer Stadt gastiert dieser Tage ein Zirkus. Ein Zirkus, welcher Wildtiere zur Schau stellt. Es dauerte nicht lang, bis sich ein kleiner Personenkreis in einer Gruppe auf Facebook zusammenschloss, um gegen die nicht artgerechte Haltung und den Missbrauch an Zirkustieren - völlig zu Recht - vorzugehen und dem Zirkus in unserer Stadt den Kampf anzusagen. In diese Gruppe eingeladen, von einer meiner (Facebook-)Freundinnen, Mana, fing ich an zu lesen, was diese Personen zu erzählen haben, schaute mir abschreckende Fotos und Videos an, welche die grausame Realität der misshandelten Tiere gnadenlos offenlegten. Ich wurde aktiv und aktiver, mischte mich in Diskussionen ein und kam an den Punkt, an welchem ich wusste: Ich will etwas tun!

Am vergangenen Donnerstag begaben meine Freundin Mana und ich uns zum Zirkus, um ein wenig 'Stimmung' zu machen. Wir kreideten im Umkreis des Zirkusgeländes Parolen wie 'Artgerecht ist nur die Freiheit', 'Kein Applaus für Tierquälerei' oder 'Boykott dem Zirkus - Boykott der Tierquälerei', verteilten Flyer an Menschen, die auf dem Weg zur Zirkusveranstaltung waren und versuchten diese mit unseren Argumenten von jenem Zirkusbesuch abzuhalten, da Unternehmen, welche den Missbrauch an Tieren nicht nur betreiben, sondern diesen als 'großen Spaß für die ganze Familie' deklarieren, unserer Meinung nach der Kampf angesagt werden muss. Wie gesagt: 'Boykott dem Zirkus'!

Nach einer 'netten' Auseinandersetzung mit zwei Herren der Polizei und der Aufnahme unserer Personalien, da unser Einsatz angeblich nicht rechtens sei (was nicht der Wahrheit entspricht - es war sehr wohl rechtens), gingen wir nach Hause. Wütend, weil wir nicht mehr erreichen konnten, wütend aufgrund der Gedanken darüber, was die Tiere im Zirkus wohl in diesem Moment erdulden müssen, aber zugleich zufrieden, weil wir 'etwas' getan hatten. Dieses 'Etwas' war wahrlich nicht mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, aber in uns war nun der Ehrgeiz erst so richtig geweckt.

In den nächsten Tagen fanden genehmigte Mahnwachen in der Nähe des Zirkusgeländes statt. Mana war in diesen Tagen leider nicht in der Stadt, aber ich nahm an den Mahnwachen teil, auch für sie. Der Andrang der Tierschützer war - wenig überraschenderweise - sehr mäßig. Mal stand ich dort mit acht Leuten, im besten Fall mit 13. Wir hielten Schilder hoch, welche Bilder von Zirkustieren und deren trauriger Realität zeigten. Die meisten Zirkusbesucher mussten uns zwangsläufig auf ihrem Weg zur Vorstellung passieren. Viele ignorierten uns, Einige jedoch sagten etwas von einem 'schlechten Gewissen' und darüber, dass 'wir ja Recht hätten, aber sich die Kinder doch sooo sehr darauf freuen würden und sie deshalb keine Wahl hätten'... nun ja, Jedem das seine! Aber das konnte doch noch nicht alles sein.

In diesen Tagen suchte ich vermehrt den Austausch mit den anderen Menschen, die sich mit mir gegen den Zirkus und für den Tierschutz engagierten. 

Als ich abends zu Hause saß, kreisten meine Gedanken noch immer um die Zirkustiere. Ich schaute mir noch mehr Videos an und setzte mich noch intensiver mit der Mensch-Tier-Problematik auseinander. Ich sah Videos von allerlei Tierschutzorganisationen, belas mich zu vielen Petitionen, las Berichte über Demos etc. - mir schoss den ganzen Abend dieses eine Zitat durch den Kopf:



Tiere haben ein Recht auf Leben. Es gibt nichts, was alle Menschen von allen Tieren unterscheidet.

 

Und doch aß ich an jenem Abend meinen Joghurt, der kein Soja-Joghurt war und somit aus Milch bestand, welche in Massentierhaltung von Milchkühen gewonnen wird... aber nur für sechs Monate. Nach durchschnittlich sechs Monaten ist eine Kuh nicht mehr in der Lage 'produktiv' Milch zu geben. Die traurige Konsequenz nach diesem halben Jahr der qualvollen Massenproduktion: der Gang ins Schlachthaus. Ich wusste also: Eigentlich bin auch ich nur eines dieser kleinen Rädchen, welches das Leid der Tiere unterstützt, indem es als Käufer den Markt ankurbelt.

Doch dann kam auf einmal der 'klick'-Moment und ich wusste: Das will ich nicht mehr!

Heute früh nach dem Aufwachen war exakt dies mein erster Gedanke. Aufgeregt wie ein kleines Kind zu Weihnachten sprang ich aus dem Bett und war voller Tatendrang, alles nicht-Vegane sofort aus meinem Leben zu verbannen. Gesagt, getan!

Nach meinem Arbeitstag ging es dann zur ersten veganen Einkaufstour - eine ziemliche Herausforderung für jemanden, der kein geschultes veganes Auge hat. Ich verbrachte drei mal so viel Zeit wie üblich im Supermarkt und musste die Verpackung jedes einzelnen Nahrungsmittels studieren, um festzustellen, ob ich dieses oder jene Nahrungsmittel jezt überhaupt noch essen darf. Die Einkaufshürde genommen, ging es endlich nach Hause, wo die Zubereitung des Abendessens wartete. Das war sogleich die nächste Herausforderung. Ich sah mich einer enormen Masse an Lebensmitteln gegenüber, die ich aufwendig und zeitintensiv verarbeiten musste... und am Ende stand der Geschmack... ein Geschmack, den ich Personen, die ich mag, nicht zugemutet hätte. 'Lecker' ist wirklich anders! Aber ich nahm es mit Humor, amüsierte mich über meine ersten kläglichen veganen Gehversuche und so kam es, dass es mir dennoch schmeckte. Couscous-Salat mit Gemüse (welcher gar nicht mal so übel war), dazu vegane Frikadellen und Vollkornbrot mit zwei verschiedenen selbstgemachten Aufstrichen (einer der Aufstriche ist geschmacklich eine wahre Zumutung - ich freue mich schon auf's Frühstücksbrot...würg!) - doch das alles kam mir als Ergebnis nach Tag 1 gar nicht so schlecht vor.

Und das Gute ist: Ich weiß, das geht noch viel besser!

Also liege ich jetzt in meinem Bett, nasche statt Vollmilchschokolade helle, süße Pflaumen und halte meine Ergebnissicherung fest.

Ich bin gespannt, welche kulinarischen Erfahrungen ich morgen sammeln werde und frage mich, wie lange ich wohl 'durchhalten' werde oder ob ich den Punkt erreiche, an welchem es mir gar nicht mehr wie eine Entbehrung vorkommt, auf alles Tierische, wie meinen heiß geliebten Käse, ein schönes Frühstücksei, allerlei Süßigkeiten u.ä. zu verzichten.

30 Tage: Das soll der Zeitraum sein, welchen ich für meine Feuertaufe festgelegt habe. Die '30 Tage-Challenge' hat sich mittlerweile ja auch als Modeerscheinung etabliert - Da ich aber gerade offenbar ohnehin all meine Abneigungen gegenüber diesen Trends über Bord geworfen habe, dachte ich mir: Trend 'vegan' - check! Trend 'Blogging' - check! Warum dann nicht auch gleich noch: Trend '30 Tage-Challenge'?!

Nach Ablauf dieser 30 Tage also will und werde ich ehrlich mit mir ins Gericht gehen und auswerten, ob ich ein 'guter, überzeugter Veganer' bin oder jemals werden kann. Vor allem der finanzielle Aspekt macht mir im Moment Sorgen. Ein schmales Studentenbudget kann nicht jede Ernährungsweise stemmen - und doch bin ich gespannt, ob es funktionieren kann. 

Nach Tag 1 bin ich hoch motiviert und guter Dinge! Mal sehen, was morgen kommt...

13.10.14 21:44

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